DER DREI-BUCHTEN-TÖRN DES SCBC 2020

Von Leo Lionni gibt es die tiefsinnige Kindergeschichte von der Maus Frederick: Anstatt ihren Genossen beim Körnersammeln für den Winter zu helfen, sitzt Frederick einfach da, schaut in die Sonne, auf die bunten Blumen und scheint zeitweise abwesend. Warum arbeitest du nicht, fragen die anderen Mäuse? Ich sammle warme Sonnenstrahlen für den kalten Winter, bunte Farben für die grauen Tage und Wörter für Geschichten an langen Winterabenden.

Ich spiele jetzt einfach mal Frederick und erzähle an einem kalten, ostwindigen und nebligen Novembertag mit vielen Wörtern von einem warmen Tag, weit weit zurück im September, von bunten Spinn- und Gennakern und auch ein paar „Körnern“. Und weil Wörter manchmal nicht genug sind, gibt‘s fürs Wieder-Erinnern auch viele Bilder dazu; danke dem SCBC-Fototeam, das die Regatta begleitet hat.

Der Drei-Buchten-Törn 2020 des SCBC Anfang September war gleichzeitig Auftakt und Schlußpunkt der diesjährigen Chiemseemeisterschaft. Dass die Serie 2020 nicht wie gewohnt durchgeführt werden würde oder dürfte, war schon vor Saisonbeginn zu befürchten; aber das ist ein ganz anderes Thema.

Auch ohne Aussicht, in diesem Jahr Chiemseemeister zu werden und ohne Hoffnung auf ein reichhaltiges Frühstückbuffett und eine Abendveranstaltung mit Musi (nach dem Zieldurchgang gab‘s ersatzweise ein Freß- und Trinkpaket auf dem Wasser überreicht) haben sich 52 Mannschaften vor Breitbrunn eingefunden, ihre eingerosteten seglerischen Fähigkeiten im harten Wettbewerb zu messen.

Harter Wettbewerb sieht aber anders aus: Zunächst typisches Chiemseewetter, viel Flaute, dafür wenig Wind, irgendwoher aus Osten, ungefähr. Taktik war
angesagt: möglichst als einer der ersten an der Krautinsel vorbei und dann freie Fahrt zur Tonne 1. Vor dem Start also kurzer Probeschlag Richtung
Dampfersteg Herreninsel, Wende und dann dem Feld davonfahren. Guter Plan, hätte auch klappen können, wäre nicht die „Edeltraut“ zur Verärgerung vieler Segler (häufig gehört „Du Körperöffnung, du blöde“) laut trötend mitten durchs Feld gerauscht; der Kapitän der „Rudolf Feßler“ nahm gelassen Fahrt aus dem Schiff und die Passagiere hatten was zu gucken und zu fotografieren. Geht doch !

Nach dem Start glaubten viele (und auch ich), alles richtig gemacht zu haben. Das Feld klebte noch nahe der Startlinie und wir näherten uns dem Gate zwischen Frauen- und Krautinsel. Harrharr. Es hätte so schön sein können, doch dann – typisch Chiemsee – wußte der Wind nicht mehr so recht, was er machen sollte oder muß: kam von hier, von da, von nirgends.

Also: die flautentypische Seglerstellung einnehmen und schauen, was die anderen so machen: Auch nichts anderes wie ich.

Doch, aber hallo und das gleich ganz anders, genau hinschauen, ausnahmsweise mal nach achtern: Der SO und O und NO – Wind wollte sich den Kompass auch
mal aus NW betrachten; das gefiel ihm so gut, dass er das noch bisserl beibehalten wollte und die vermeintlich hoffnungslos zurückliegenden Teilnehmer rauschten auf uns zu, die wir dagegen machtlos, weil ohne Wind, zwischen den Inseln dümpelten. Im Endeffekt wurde dieses Gate eine zweite Startlinie, alle wieder weitgehend zusammen.

Auf dem Weg zur ersten Tonne ging dem Wind wieder etwas die Puste aus; schlechte Kondition, kein Wunder bei dem fehlenden Training durch die stornierten Regatten der Chiemseemeisterschaft. Das Runden der ersten Boje war denn auch durch seemännische Kommandos wie „Hej, paß doch auf“ und Kollisionsvermeidung geprägt.

Doch dann ein Wunder: Kurz nach der Boje begann sich das Wasser zu kräuseln, und es ging wieder vorwärts, und das immer besser. Rasmus hat wohl in seinem Handbuch für Chiemseemeisterschaft nachgeguckt, was da angesagt ist. Und das wurde richtig schön!

Rasmus schickte uns einen böigen Dreier mit unvorhersehbaren Drehern. Regattaspaß war angesagt, auch wenn manche richtig arbeiten mußten. Ich selber muß gestehen, daß ich (Höhelaufen hin oder her – Chiemseemeister werd‘ ich dieses Jahr eh nicht) ein paarmal in den Böen abgefallen bin und auf die Logge geschaut habe, wie schnell‘s denn geht.

An der Stippel-Boje zeigte sich dann deutlich, wer mit den Drehern gut zurecht gekommen ist oder Überhöhe ersegelt und Zeit verloren hat:

Der Abschnitt zur vorletzten Boje 3 in der Kailbacher Bucht und die Strecke weiter zur Tonne 4 und ins Ziel waren danach fast Genußsegeln.
Fast, weil SUPperInnen und dergleichen FreizeitkapitänInnen keine Ahnung davon haben, dass Segelboote keine Bremse haben, nicht rückwärts fahren können oder auch nicht ins knietiefe Wasser ausweichen können.

Nach dem Zieldurchgang gab‘s für die ermatteten Segler eine kräftigende Wegzehrung für den Nachhauseweg.
Auch Rasmus hat von dem Kraftfutter was abbekommen und weiter geblasen, die Teilnehmer konnten auf dem eigenen Kiel / Schwert nach Hause segeln.

Auch im Namen der übrigen Teilnehmer bedanke ich mich bei allen Beteiligten des SCBC herzlich für die gelungene Veranstaltung.
Vielleicht läßt sich das als Blaupause für die Chiemseemeisterschaft 2021 umsetzen? Corona wird uns sicher noch über das kommende Jahr hinaus beschäftigen.

Bis zur neuen Saison hat‘s noch paar Tage; beginnen wird sie (vielleicht? – hoffentlich!) mit den Optis und Lasern am Gardasee. Bis dahin genießen wir den Chiemsee; nicht nur bei Sonnenschein, auch mal wenn‘s greislich ist und der Wind > 7 bft pfeift: Da können wir im Kopfkino ungestört, risikolos mit bisserl Herzklopfen und trocken segeln